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Medigie oder Mazin?

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Da ich auch zu jener Gruppe gehöre, die sich – manches Mal verbissen – um Alternativ- und Schulmedizin streitet, las ich Herrn Hirschhausens Beitrag in der Ausgabe 11 des Sterns mit Freude und Begeisterung. Er stellt, wie ich finde, eine sehr objektive Betrachtung darüber an, was die Schul- und die sogenannte „Alternativmedizin“ zu leisten vermag und wie der Mensch mit Körper und Seele seinen eigenen Beitrag bei heilenden Prozessen liefert. Es ist kein Rundumschlag gegen die eine oder andere Spezies. Vielmehr eine Betrachtung unter dem Motto „Wirksame Heilkunst verbindet Magie und Wissenschaft – weil der Mensch eben ist, wie er ist.“(1)

Hirschhausen erläutert in seinem Beitrag die Methoden Homöopathie, Hypnose, Akupunktur, Bioresonanz, Phytotherapie und Chiropraktik in gesonderten Rubriken sehr anschaulich. Er erklärt unter anderem die jeweilige Methode, stellt dar wie die Behandlung wirken soll, wogegen sie helfen soll und welche Risiken sie birgt.

Zum Thema Bioresonanz beschreibt Hirschhausen in Zusammenhang mit einem Meniskusleiden zudem recht amüsant seine eigenen Erfahrungen und plädiert für eine vernünftige Beweisführung über die Wirkung von Heilmethoden.

„…ein wenig erinnert erinnert es mich an den Mann, der durch die Straße läuft und ständig klatscht. Nach dem Grund gefragt, antwortet er: „Ich verjage hier die Elefanten.“ Aber hier gibt es gar keine Elefanten.“ „Sehen Sie!“ Wissenschaftliches Denken bedeutet ganz plakativ: vorher Elefanten zählen, zwei gleiche Gruppen machen, die einen klatschen, die andern nicht. Und nachher wieder Elefanten zählen. Dann kann man besser abschätzen ob es einen Zusammenhang gibt.“(1)

Die einst göttliche Schulmedizin wurde in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr entzaubert. Es ist aus meiner Sicht kein Wunder, dass die „Alternativmedizin“ seitdem immer mehr Anhänger findet. Hirschhausen vermag mit Menschenkenntnis, ein wenig Philosophie und gewählten Worten den Spagat zwischen Schul- und „Alternativmedizin“ herzustellen, der in einer hitzigen Diskussion oft so nicht möglich ist.
Hirschhausens Alternativen sind jedoch weniger esoterisch und weltfremd.

„Tatsächlich gibt es für sehr viele Operationen keine aussagekräftigen Studien, die ihre Überlegenheit belegen. Bei vielen Eingriffen an Knie und Wirbelsäule sieht es eher danach aus, dass die „konservative“ Behandlung, sprich: Muskelkraft auf- und Körperfett abbauen, den größten Effekt hat.“(1)

Das Zeitalter der wissenschaftlichen Medizin begann erst im 17. Jahrhundert. Bis ins späte 20. Jahrhundert war der Glaube an die „Götter in weiß“ bei vielen Menschen verankert. Erst durch die evidenzbasierte Medizin und die flächendeckende Einführung von Qualitätsmanagementsystemen wurden viele Methoden der Schulmedizin hinterfragt und auf gewisse Weise entzaubert. Und was macht der Mensch? Er nutzt nicht das gewonnene Wissen, sondern sucht sich eher eine neue Gottheit.

„Menschen lieben keine nackte Statistik, sondern Storys. Die meisten von uns wollen nicht die letzte Wahrheit wissen, wir wollen an eine Version glauben, die sich für uns wahr anfühlt.“(1)

So ist es auch nicht verwunderlich, dass gerade in den letzten Jahren das Geschäft der „Alternativmediziner“ und Heilpraktiker boomt. Die Methoden der „neuen Medizin“ werben mit „Jahrhunderte altem Wissen“,stützen sich auf neuzeitlichen Hypothesen oder werden begleitet von funktionslosen modernen Geräten.

„Wer voll und ganz von seiner Methode überzeugt ist, gewinnt schnell Anhänger, denen das ganze Abwägen von Risiken und Wahrscheinlichkeiten zu doof ist. Einfache Erklärungen sind viel überzeugender: „Mehr trinken, Hefe im Darm sanieren durch Zuckerverzicht und alle Störfelder aus dem Schlafzimmer verbannen“. Stimmt immer.“(1)

Sicher kann man davon ausgehen, dass in den meisten Fällen eine alternative Heilmethode nur wenig bis gar keinen Schaden anrichtet. Was wohl auch ein oft genanntes Argument für die „Alternativmedizin“ ist. Der größte Schaden ist freilich nur die Unterlassung einer wirkungsvollen Heilmethode. Geld für die Unterstützung harmloser Genesungsprozesse durch alternativen Methoden zu bezahlen ist sicher auch harmloser als die Medikamentencocktails zu schlucken, die jeden Tag in der Werbung zu sehen sind.

Vor 20 Jahren habe ich mich noch sehr darüber gewundert, wenn mein Arzt mich ohne Rezept mit dem Satz verabschiedete: „Bleiben Sie drei/vier Tage im Bett, trinken Sie viel und ruhen sie sich aus“.
Heute denke ich ebenso: 90% der Krankheiten die von selbst kommen, verschwinden auch wieder von selbst, oder lassen sich durch Rückbesinnung auf eine gesunde Lebensweise „auskurieren“. Ohne Medikamente und ohne Hokuspokus. Bei ernsthaften Erkrankungen hingegen vertraue ich der modernen evidenzbasierten Medizin. Die Heilungschancen liegen selbst bei der richtigen Behandlungsmethode vielleicht nur bei 50%, mit alternativen Heilmethoden wären sie jedoch weitaus geringer.

ms

(1) stern, Nr. 11, vom 06.03.2014, Titelstory S. 50-57
http://www.stern.de/magazin/heft/stern-nr-11-632014-magie-und-medizin-2094372.html

http://www.focus.de/digital/multimedia/heilung-oder-humbug-gegen-die-globulisierung_aid_1101047.html

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